Der erste Tag auf der Straße in Da Nang fühlt sich an wie eine Mutprobe. Roller, so weit das Auge reicht, ineinander verwoben wie ein Ameisenhaufen kurz vor dem Regen. Kein sichtbares System, keine Spuren, die irgendjemanden zu interessieren scheinen. Und mittendrin: ich, mit Kinderwagen, am Straßenrand, wartend auf eine Lücke, die einfach nicht kommt.
Sie kommt auch nie. Das ist die erste Lektion, die man hier lernt, ob man will oder nicht.
Das Hupen bedeutet nicht das, was du denkst
In Deutschland ist Hupen eine Ansage. Kurz, aggressiv, unmissverständlich: Du hast einen Fehler gemacht, und ich will, dass du das weißt. Wer in Deutschland gehupt wird, fühlt sich ertappt.
Hier ist Hupen etwas völlig anderes. Es ist keine Beleidigung, es ist eine Unterhaltung. Ein kurzes Tuten heißt: Ich bin hier, ich komme gleich an dir vorbei. Ein anderes heißt: Achtung, ich biege ab. Wieder ein anderes ist einfach nur ein freundliches 'Hallo, ich existiere, plane bitte entsprechend'. Roller- und Autofahrer hupen ununterbrochen, aber niemand regt sich darüber auf, weil niemand es als Angriff versteht. Es ist die Sprache des Verkehrs hier, nicht sein Fluch.
Am Anfang zuckt man bei jedem Hupton zusammen. Nach ein paar Wochen hört man es kaum noch. Es wird zur akustischen Tapete.
Zebrastreifen sind eine Empfehlung, kein Versprechen
Es gibt sie, die Fußgängerüberwege, weiß aufgemalt, offiziell und ordentlich. Nur hält sich hier so gut wie niemand daran, in dem Sinne, wie wir das aus Deutschland kennen. Kein Auto bremst automatisch, weil du am Zebrastreifen stehst. Kein Roller hält an, nur weil dort ein Streifen auf dem Asphalt ist.
Was stattdessen funktioniert, klingt im ersten Moment nach Wahnsinn: Du gehst einfach los. Mitten in den Verkehr hinein, gleichmäßiges Tempo, kein Zögern, kein hektisches Rennen. Und dann passiert etwas, das jedem, der neu hier ist, komplett gegen den Instinkt geht: Der Verkehr fließt um dich herum. Die Roller sehen dich, sie kalkulieren deine Geschwindigkeit, und sie weichen aus, vor dir oder hinter dir, je nachdem, was gerade besser passt. Niemand bremst hart, niemand hupt böse, es fügt sich einfach.
Das Einzige, was hier wirklich gefährlich ist: Stehenbleiben. Wer mitten auf der Straße erstarrt, aus Angst, aus Reflex, aus deutscher Regelkonformität, bringt das ganze System durcheinander. Die Fahrer können mit Bewegung rechnen, mit Stillstand nicht. Wer stehen bleibt, hat verloren, im wahrsten Sinne des Wortes, man kommt nie über die Straße, wenn man auf die perfekte Lücke wartet, die es hier schlicht nicht gibt.
Vertrauen als Verkehrsregel
Was mich am meisten überrascht hat, ist nicht das Chaos selbst, sondern wie gut es funktioniert. Von außen betrachtet sieht es aus wie der komplette Kontrollverlust, hunderte Roller ohne erkennbare Ordnung. Aber es steckt ein Vertrauen dahinter, das ich aus Deutschland so nicht kenne: Ich verlasse mich darauf, dass du mich siehst. Du verlässt dich darauf, dass ich berechenbar bleibe. Niemand fährt hier besonders schnell, das macht das Ganze überhaupt erst möglich. Es ist eher ein langsames, dichtes Fließen als eine Ansammlung von Rasern.
Ich schiebe mittlerweile den Kinderwagen über belebte Straßen, ohne mit der Wimper zu zucken. Vor ein paar Monaten hätte ich das für verrückt gehalten. Heute ist es einfach Alltag, ein Alltag, der sich anfühlt, als würde man Teil eines riesigen, unausgesprochenen Einvernehmens werden. Man geht. Man vertraut. Und irgendwie kommt man immer an, wo man hinwollte.
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Von Jenny am 29.06.2026
Über diesen Blog

Ich bin Jenny – Mama von zwei Kleinkindern, und seit diesem Sommer nicht mehr in Aschheim, sondern unterwegs.
Wir haben unser Haus verkauft, sind über Vietnam gegangen und ziehen weiter nach Thailand. Hier schreibe ich auf, wie das wirklich abläuft – der Papierkram, der Abschied, der Alltag mit Kindern in einem Land, das nicht unseres ist.
Keine Hochglanz-Auswanderer-Story, sondern das, was tatsächlich passiert.