'Warum wandert ihr aus?' Die Frage kommt eigentlich immer, und ich hab bis heute keine einzige, saubere Antwort darauf. Es war keine Sache, die an einem Tag Klick gemacht hat. Es waren viele kleine, die sich irgendwann zu einem großen zusammengesetzt haben.
Fangen wir mit dem an, was sich am einfachsten erklären lässt: Steuern. Ich hab mich in Deutschland irgendwann nur noch ausgenommen gefühlt. Nicht im Sinne von 'ich will nichts abgeben', sondern: Man arbeitet, man verdient, und am Ende bleibt gefühlt immer weniger übrig, während alles teurer wird. Das kennt vermutlich jeder, der dort Vollzeit arbeitet. Aber irgendwann kippt das von 'nervig' zu 'das ergibt für mich keinen Sinn mehr'.
Dann das Schulsystem. Wir haben zwei kleine Kinder, und wer anfängt, sich damit auseinanderzusetzen, was auf sie zukommt – Struktur, Druck, Bürokratie, dieses German-Angst-Prinzip, bei dem lieber dreimal abgesichert als einmal ausprobiert wird –, fängt an, sich zu fragen, ob das wirklich alternativlos ist. Ich behaupte nicht, dass es woanders per se besser läuft. Aber ich wollte sehen, wie es anders geht, bevor ich meine Kinder auf ein System festlege, nur weil es das ist, in dem ich selbst groß geworden bin.
Und die Politik. Ich halte mich hier bewusst kurz, das soll kein Blog für politische Grabenkämpfe werden. Nur so viel: Das Gefühl, dass sich in Deutschland vieles im Kreis dreht, Entscheidungen zäh und selten für irgendjemanden wirklich zufriedenstellend ausfallen, hat sich über die letzten Jahre eingeschlichen und nie wieder verschwunden.
Das Wetter und die Stimmung
Unterschätzt hab ich, bevor wir gegangen sind, wie sehr Wetter auf die allgemeine Stimmung drückt. Grau, kalt, nass, ein Winter, der sich zieht, ein Sommer, der oft enttäuscht. Mit dem Wetter kommt irgendwie auch die Laune der Leute. Ich hab das Gefühl, in Deutschland ist gerade grundsätzlich schlechte Stimmung, nicht bei jedem Einzelnen, aber im großen Ganzen. Man merkt es im Small Talk, in den Nachrichten, in Gesprächen mit Freunden. Alle irgendwie müde von allem. Und ich wollte da raus, nicht aus Deutschland als Konzept, sondern aus dieser Grundstimmung, die sich wie ein grauer Filter über alles legt.
Das Hamsterrad
Das Größte an allem, wenn ich ehrlich bin: raus aus dem Nine-to-Five. Aus diesem Hamsterrad, das sich anfühlt, als würde man laufen, ohne irgendwo anzukommen. Aufstehen, arbeiten, Kinder, Haushalt, ins Bett, von vorne. Und irgendwann die Frage: Ist das schon alles? Man funktioniert vierzig, fünfzig Jahre lang in einem System, das einem das Gefühl gibt, ausgenommen zu werden, unter einem Himmel, der einen runterzieht, und am Ende, mit etwas Glück, wartet eine Rente, die auch nicht mehr das ist, was sie mal war.
In Deutschland ist nicht alles kaputt, es gibt vieles, das gut funktioniert, und ich vermisse auch Dinge, das ist okay so. Aber für mich persönlich hat sich das ganze System irgendwann so angefühlt, als würde es nicht mehr zu dem passen, wie ich leben will. Und wenn man das einmal so klar spürt, wird es schwer, es wieder zu ignorieren.
Also sind wir gegangen
Keine einzelne Entscheidung, sondern die Summe aus allem: Steuern, Schule, Politik, Wetter, Stimmung, das ständige Funktionieren-Müssen. Wir haben Deutschland nicht verlassen, weil wir es hassen. Wir haben es verlassen, weil wir gemerkt haben, dass es auch anders geht, und das für uns und unsere Kinder ausprobieren wollten, solange wir noch die Möglichkeit dazu haben.
Ob es die richtige Entscheidung war, weiß ich noch nicht endgültig. Aber dass wir sie überhaupt getroffen haben, bereue ich nicht.
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Von Jenny am 29.06.2026
Über diesen Blog

Ich bin Jenny – Mama von zwei Kleinkindern, und seit diesem Sommer nicht mehr in Aschheim, sondern unterwegs.
Wir haben unser Haus verkauft, sind über Vietnam gegangen und ziehen weiter nach Thailand. Hier schreibe ich auf, wie das wirklich abläuft – der Papierkram, der Abschied, der Alltag mit Kindern in einem Land, das nicht unseres ist.
Keine Hochglanz-Auswanderer-Story, sondern das, was tatsächlich passiert.